Tagebücher

"Die "vor Ort" gezeichneten Notizen - in Kirchen, Museen, auf Märkten - werden in den Tagebüchern weiterbearbeitet und auf ihre Verwendbarkeit hin durchgespielt. Die Grundlage für alle Arbeitsüberlegungen sind das Ornament und der Raum. Die Tagebücher werden seit den siebziger Jahren vortlaufend geführt."
(Dr. Martina Marschall)

Seit den siebziger Jahren, zunächst bedingt durch die Kinder und den Brotberuf, aber dann sich immer mehr verselbständigend, liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit in den Tagebüchern.
Das gesehene, meist schon vor Ort in das Skizzenbuch Notierte, wird im Arbeitsbuch auf seine Verwendbarkeit hin durchgespielt. Die Motive begegnen mir oft schon als Kunstform in den Randbereichen der "großen Kunst", in Ranken und Bordüren, in Stuckleisten und Schmiedeeisengittern, Beschlägen und Intarsien und im grellen modernen Alltagskitsch.
Da ich von der Malerei komme, war natürlich immer das Format ein wichtiges Kampffeld, ob das Dargestellte im Quer-, Hoch- oder Längsformat erscheinen sollte und ich hätte schon mit völliger Dummheit geschlagen sein müssen, wenn ich nicht bald erkannt hätte, dass diese kleinen Quadrate und Rechtecke im Buch selbst ein Gestaltungsprinzip darstellen, nämlich die fortlaufende Reihe der Variationen oder die serielle Setzung des Gleichen oder Fastgleichen, die Arbeit mit Raster und Modul. In der fortlaufende Reihe sind sowohl das Ornament wie auch die Expansion in den Raum hinein bereits angelegt. So hatte meine Arbeit von Anfang an einen konzeptuellen Charakter. Die Umsetzung in das große Format der Projekte von Fahnen, Wänden und Büchern war dann erst ein weiterer Schritt, angeregt durch eine bestimmte Aufgabe, eine räumliche Situation oder durch ein Material.
Seither sind an die vierzig Bücher, meist beidseitig eng bearbeitet, entstanden, deren Motivisch wie ein roter Faden durch meine gesamte Arbeit ziehen und in variierter Weise in verschiedenen Materialien wieder auftauchen. In den Tagebüchern ruhen viele weitere "Themen", für deren Übertragung in ein größeres Projekt es noch keinen Anlass gab.
So unterschiedlich die einzelnen Arbeitsgebiete auch sein mögen, für mich kommt alles aus der selben Grundidee, nämlich aus dem Ornament und damit verbunden mit der Reihung auf der Fläche und im Raum.

Fotos: H.-E. Wobbe